Durchwachsene Tage…(und Nachtrag!)

…liegen hinter mir. Eine Achterbahn der Gefühle, und jetzt gerade bin ich emotional unglaublich erschöpft! Eine kleine Chronologie:

Letzten Donnerstag begab ich mich mit Bahn und Rad nach Herford, um endlich an einer Probe des „Rosenklanges“ teilnehmen zu dürfen. Dazu musste ich ins Studio des Orchesters. Das Wetter war ähnlich wie heute, schwülwarm und extrem schweißtreibend, vor allem, wenn man sich in Herford auch noch mit dem Rad verfranst und erst um Punkt 15 Uhr, also genau zum Probenanfang, im Gebäude eintrifft. Also, komplett derangiert und schweißnass, wurde ich dann kurzerhand durch die Gänge des Gebäudes geführt und in den Probesaal gelassen. Die Probe hatte bereits begonnen und ich setzte mich ganz schnell, bemüht still, in eine Ecke. Leider war es in dem Saal noch wärmer als draußen, was der Sache nicht hilfreich war. Ich wartete also ein paar Minuten um mich zu „beruhigen“. Gottseidank saß ich „oben“, also hinter den Schlagwerkern, und nicht vorne, in Front und Sicht des gesamten Orchesters. Ich hätte ein erbärmliches Bild abgegeben.  Kaum war ich einigermaßen bei mir, da erklangen schon die ersten Takte meiner Komposition und unglaublich schnell war das Stück auch schon wieder vorbei. Nun war dies leider schon die Generalprobe (man hatte mir nur diese eine Gelegenheit zum Beisein mitgeteilt) und eine Einflussnahme, gar Anmerkungen oder kleine Korrekturen meinerseits,  waren zu diesem Zeitpunkt bereits unmöglich, denn eine Generalprobe ist ja im Prinzip schon ein kompletter Durchlauf des gesamten Konzertes, ohne hier noch größere Änderungen vorzunehmen. Ich hätte meinerseits noch das eine oder andere an der Interpretation anzumerken gehabt. Aber, wie gesagt, die Chance dafür hatte ich leider nicht bekommen. Ist nun mal so, als „Schöpfer“ hat man wohl immer etwas auszusetzen. Ich habe mir auf jeden Fall vorgenommen, in Zukunft schlichtweg darauf zu bestehen, bei den ersten Probe(n) bereits anwesend sein zu dürfen, um an nötigen Stellen vielleicht schnell mal was anzumerken, oder dem Dirigenten Gelegenheit zu geben, interpretatorische Fragen zu erörtern.

Ich blieb dann noch sitzen und wartete bis zur Pause, um die Probe nicht zu stören. Dann machte ich mich auf den Heimweg.

Anmerkung: was machen Orchestermusiker, wenn sie gerade nicht dran sind? Sie lesen Bücher oder Zeitschriften (Blechbläser) oder scherzen leise miteinander (Gr. Trommel und Becken), natürlich leise! Diese amüsanten Beobachtungen haben mir geholfen,  mich in der Situation etwas zu entspannen.

Ich wusste auf dem Heimweg, und eigentlich den Rest des Tages nicht, was ich fühlen sollte! Befriedigung oder doch eher Ernüchterung? Kennt Ihr das, wenn sich die Gedanken immer, und immer wieder,  im Kreis drehen, und man eigentlich genau weiß, dass es Zeitverschwendung ist, und den verdammten Schädel dennoch nicht frei bekommt?

Ich habe dann mit mir selbst meinen Frieden geschlossen, mit der Erkenntnis, dass sich das Stück zu diesem Zeitpunkt ja eh selbständig gemacht hatte.  Und ob es bestehen oder untergehen würde, es lag eh nicht mehr in meiner Macht, daran noch irgendwas ändern zu können. Mit diesem Gedanken fand ich dann erst einmal meinen Frieden.

Der Freitag dann war im Großen und Ganzen, bis auf die (üblichen) Verspätungen bei der Anreise mit der Deutschen Bahn, sehr schön. Der Platz vor dem Mindener Dom war komplett voll mit Menschen; viele waren schon in typischer „Last Night of the Proms“ Manier ausgerüstet, also mit Fähnchen, Flaggen, komischen Hüten oder anderen für den Anlass spezifischen Kleidungsstücken ausgerüstet. Ich war sehr gespannt, ob die sturen Ostwestfalen, im zweiten Programmteil (dem „Mitmachteil“), aus sich herausgehen würden, um die traditionellen englischen „Last Night“ Hymnen mitzuschmettern. Das Wetter war angenehm, wenn auch manchmal ein kalter Wind durch die Reihen  zog. Der „Rosenklang“ war, wie in der Generalprobe, bereits eines der ersten Stücke, die gegeben wurden. Auch nicht ganz so glücklich, denn das Publikum und auch die Musiker waren noch nicht wirklich warm. Ich hätte mir gewünscht kurz vor, oder nach der Pause „dranzukommen“. Da wäre die Stimmung sicherlich noch besser gewesen. Aber sei es drum, im Anschluss an zwei Beethoven Stücke gespielt zu werden ist schließlich auch was.

Als dann wieder die ersten leisen Takte des Rosenklanges anfingen (Pianissimo Streicher mit Dämpfer), stellte sich bei mir prompt das, für mich bis dahin tatsächlich unbekannte, Phänomen des starken Herzklopfens ein! Ich dachte wirklich für einen Moment, dass alle auf dem Platz meinen Herzschlag hören müssten! Wow, wieder eine neue Erfahrung. Das Stück selber wurde genauso gespielt wie am Tag zuvor bei der Probe. Routiniert und hie und da mit deutlichen Intonationsproblemen. Aber hey, es wurde wirklich gespielt, vor einigen tausend Zuschauern! Irrsinnig schnell war es schon wieder vorbei! Und irgendwie habe ich es geschafft, nicht mitzukriegen, dass sich der Dirigent, nach dem „Finale Maestoso“ und beim aufkommenden Applaus, zum Publikum umdrehte, suchend in die Reihen schaute und leicht die Hände hob, wie eine Aufforderung. Ich habe nicht kapiert was er wollte, bis mein Vater neben mir, mich anschubste und sagte: „Steh auf! Er will, dass du aufstehst“ Dann hat es noch mal eine Sekunde gedauert, bis das bei mir oben angekommen war und ich endlich, etwas ungeschickt, von meinem Platz aufstand. Ich vollführte linkische, weil nie eingeprobte, Dankesbezeugungen hin zum Dirigenten und dem Orchester,  drehte mich dann zu der Menge um und machte das gleiche noch mal, denn der Applaus war wirklich stärker geworden, als ich endlich aufgestanden war. In diesem Moment war ich wirklich dankbar. Es gab keine Buhrufe und ich dachte: „Hmh, vielleicht hat es ihnen wirklich gefallen? Kann das denn sein???“ Bevor der Applaus müder werden konnte, setzte ich mich schnell wieder hin. Ich wollte ja niemanden nerven oder das Programm aufhalten. Der Dirigent (Charles Olivieri-Munroe,  Kanadier, geboren auf Malta und arbeitet überwiegend in Tschechien) drehte sich plötzlich nochmals um und sagte, in seinem gebrochenen Denglisch: „Wow, das war mehr Applaus als für Beethoven!“ Nochmal Applaus… Nice! 🙂

Dann ging es weiter mit dem nächsten Stück.

Und, um es ab hier kurz zu machen, der zweite Teil des Programmes war göttlich! Die Menge machte tatsächlich heftig mit! Fähnchen wurden geschwenkt, es wurde gerasselt, und die Melodien wurden mitgepfiffen und mitgesungen. Eine unglaublich gelöste Stimmung, und das in OWL! Das Orchester drehte nun ebenfalls völlig auf, wie entfesselt. Alle Beteiligten hatten einen Riesenspaß! Der Gesangsolist des Abends, Andreas Hörl, der z.B. auch kräftig das „Rule Brittania“ mitschmetterte, hat eine gewaltige, wohlklingende Bassstimme. Toll, das ging einem durch und durch. Vor allem die Blechbläser (oft ein Schwachpunkt in Orchestern) und die Perkussionisten (die offensichtlich dankbar waren, dass sie endlich mal auftrumpfen konnten) waren wirklich, wirklich gut! Und der bereits erwähnte Dirigent war, neben seinem überzeugenden Dirigat, so locker und lustig drauf, als würde er nebenberuflich als Entertainer arbeiten.

Update: Ein YouTube Video vom zweiten Programmteil, das die Stimmung dort gut einfängt:

Ich glaube, ich muss nicht extra erwähnen, dass meine Eltern an dem Abend wohl die stolzesten Eltern waren, die man sich vorstellen kann. Zum Abschluss des Abends machten wir jedenfalls noch einen ausgiebigen Zug um die Häuser, hehe! Tatsächlich trafen wir unterwegs noch die Schlagwerker des Orchesters, die gerade auf dem Weg zu ihrem Auto waren. Ich weiß nicht, ob sie mich erkannt haben, sie waren auf jeden Fall ziemlich überrascht, als ich ihnen von hinten auf die Schulter klopfte, um ihnen meinen Dank auszusprechen. Sie grinsten und bedankten sich. Vielleicht haben die das auch noch nicht so oft erlebt, so gigglende Fanboys! 😉

Am Samstag, schön bei meinen Eltern im Garten sitzend,  habe ich meine Partitur ausgepackt und sofort die ersten Änderungen vorgenommen. Ich habe mir viele Notizen gemacht, wie man dieses oder jenes, basierend auf den Erfahrungen der letzten beiden Tage, verbessern könnte. Habe direkt in den Noten herumgekritzelt, geändert, verworfen und wieder geändert. Ich denke, sollte es nochmals irgendwann zu einer Aufführung kommen, so würde ein besseres Stück erklingen.

Abends kam dann das Kontrastprogramm. Nachdem wir von einer Familienfeier wieder zu Hause waren, beschlossen wir in eine Musik DVD reinzuschauen, die ich meiner Mutter, kurz zuvor, zum Geburtstag geschenkt hatte. Progressive Metal: Dream Theater – Octavarium! Hui, Donnerwetter…die Jungs sind richtig gut!!! Was die da abliefern, ist im Prinzip schon (fast) symphonisch zu nennen. Auf jeden Fall wäre es klasse Filmmusik; mit dem Sound einer Metalband plus dichtem Harmoniegefüge, für die vor allem der Keyboarder mit seinem orchestralen Sound verantwortlich ist. Die Melodien sind eingängig, aber nicht auf eine plumpe Art, sondern, durch Verwendung von modalen Elementen, abwechslungsreich und absolut „bezaubernd“. Ich glaube ich bin ein Fan geworden! 😉

Danach haben wir nochmal, zum Vergleich (mein Vater ist ja Rockmusiker), in die Metallica S&M reingehört und anschließend auch noch das „Concerto“ (von 1969) von Deep Purple gehört. Ein super Abend!

Am Sonntag war der erste Tag seit langem, an dem ich mich „gut“ gefühlt habe. So ganz bei mir, irgendwie. Den Kopf mal nicht voll, mit nervigen oder stressigen Dingen, sondern ganz ruhig. Ich habe mich in den Garten gesetzt, und sehr lange und ganz ausgiebig mein Fahrrad geputzt. Ich habe dabei an nichts konkretes gedacht, keine Pläne gemacht. Ich war einfach nur „da“. Anschließend habe ich noch eine kleine Radtour gemacht, nachdem mich meine Mama mit Pflaumenkuchen verwöhnt hatte (hmh…). Ich bin die alten Strecken meiner Kindheit und Jugend abgefahren, ohne, dass ich das bewusst vorgehabt hätte. Zwischendurch, auf freiem Feld, bin ich dann mal stehen geblieben und habe die vorbeiziehenden Wolken betrachtet. Da war ich irgendwie angekommen. Ich weiß zwar nicht genau wo, aber es war gut. Friedlich.

Abends dann erneutes Kontrastprogramm. Erst habe ich, wieder mit meinen Eltern zusammen, auf Arte die 4. von Mahler geschaut (mein Vater: Och der ist ja gar nicht so „schwer!“). Und dann haben wir noch die neueste Dream Theater CD (auch ein Geschenk) gehört, um den Eindruck des vorherigen Abends zu bestätigen. 😉

So, eigentlich müsste ich jetzt hier aufhören. Denn, ihr ahnt es schon, besser wird es nicht. Im Gegenteil.

Als ich am Montag aufstand, da erwartete mich eine eher gedrückte Stimmung in der Küche. Ich wusste natürlich sofort was los war:  Die Kritik vom Freitag in der Tageszeitung!

Als ich den (einschlägig bekannten) Namen des Kritikers las, wusste ich schon, dass es keine gute Kritik werden würde. Bevor ich den ganzen Artikel las, nahm ich mir vor, mich nicht aufzuregen und einfach lächelnd darüber hinwegzuschauen. Was man mit Musikkritikern eben machen solle: sie ignorieren! Denn ebenso wie so manches Vorurteil über Musiker (nicht auf alle) der Wahrheit entspricht, so trifft ebensolches auf viele (nicht alle) selbsternannten Bewahrer des „Guten und Schönen“ eben auch zu! Die Kritik, in Ironie und Sarkasmus ertrinkend, rechnete mit dem Abend als reines Marketingevent ab. Sinngemäß: leichte Klassik fürs (dumme?)Volk, wo man ungestraft mitgrölen darf. Mein Stück wurde folgendermaßen, im Bezug auf „moderne Musik“, kritisiert: „Das Werk […] allerdings ist brav wie ein Schoßhündchen und der Applaus sparsam.“

Ja, was soll man dazu sagen? Hätte sich der Kritiker im Vorfeld mal schlau gemacht, dann hätte er ja überall nachlesen können, dass es eben nicht meine Absicht war, ein Werk voller „moderner“ Dissonanzen und Ohrenbluteneffekt zu machen, sondern eine moderate Auseinandersetzung zwischen musikalischer Tradition und dem Gedenken an ein geschichtliches Ereignis. Und das mit dem sparsamen Applaus…siehe oben! Irgendwie haben das ein paar tausend Menschen und sogar der Dirigent anders wahrgenommen als er selbst. Komisch, und unfair!

Nun ja, wie gesagt, wollte ich mir durch diese Kritik nicht den Tag verderben lassen. Meine Eltern hingegen waren förmlich aufgebracht, ist ja klar. Ich habe versucht, das  Ganze gelassen hinzunehmen. Aber wie das so ist, ein kleiner Wurm fängt an sich durch dein Inneres zu fressen, und mit jedem Happen wird er grösser und grösser! Bis zum Montagabend war dann meine ganze gute Laune der Vortage dahin. Ich habe mich bemüht, mir nichts anmerken zu lassen; habe mich von meinen Eltern verabschiedet, bin zur Bahn und dann in den Zug nach Bielefeld eingestiegen. Blöderweise endete der Zug dann in Herford, denn in Bielefeld brannte ein ICE! Nichts ging mehr! Mit dem Schienenersatzverkehr, durch eilig gerufene Busse (hat „nur“ ne halbe Stunde gedauert), war ich dann irgendwann in Bielefeld und spät abends zu Hause. Dort angekommen, schnell die emails gecheckt (seit FR zuvor das erste Mal) und siehe da, eine schlechte Nachricht nach der anderen „poppte“ auf…! Mmpfff!

Tja, danke liebes Universum, dass Du immer nach Ausgleich strebst! 😦

NACHTRAG (Fr. 4.Sept.): Es gab harsche Kritik an dem Musikkritiker, sowohl von Leserbriefen in der lokalen Zeitung, wie wohl auch von anderer Seite. Bei meinen Eltern haben tatsächlich Leute angerufen (!), und sich einerseits über den Kritiker ausgelassen (hehe) und andererseits nochmals ausdrücklich mein Stück gelobt! Hui…das tut verdammt gut!

Danke, liebe Mindener!!! 🙂

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4 Kommentare

Eingeordnet unter Persönliches

4 Antworten zu “Durchwachsene Tage…(und Nachtrag!)

  1. Tat echt gut das alles zu lesen 🙂

  2. herzlichen glückwunsch. hört sich gut an. also nicht alles aber das, worum es dir hauptsächlich ging.

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