„Praehistorische Zeitschrift“…

…steht auf dem grünen Deckblatt des Din4 grossen Heftes, das mir gestern morgen beim „alte Kisten-Durchschauen“ in die Hände fiel. Obwohl ich dieses Heft seit einigen Jahren nicht mehr bewusst wahrgenommen habe, es wanderte einfach im Stapel mit anderen Lebens-Memorabilia von Kiste zu Kiste,  weiss ich doch sofort was es damit auf sich hat. Erst muss ich schmunzeln und dann werde ich nachdenklich.

Es ist der Sonderdruck des 1. Heftes des 62. Bandes der „Praehistorischen Zeitschrift“, erschienen 1987. Und der Inhalt ist eine 77 Seiten starke, archäologisch-wissenschaftliche Abhandlung mit dem Titel: „Zur Nordwestgrenze der Aunjetitzer Kultur“.

Aber das spielt eigentlich keine Rolle. Wichtiger ist die handschriftliche Widmung gleich vorne drin: „…dem hoffnungsvollen Nachwuchs, von Bernd“.

Eine Reihe von Erinnerungen trifft mich. Gute, ja sogar schöne Erinnerungen sind das; die mich aber dann mit einem innerlichen Tropfen Wehmut zurücklassen.

Bernd war bzw. ist Archäologe und ich lernte ihn kennen, als ich, mit jungen 15 Jahren, bei Freunden meiner Eltern zu Besuch in Norddeutschland war. Da ich schon immer ein Faible für Geschichte und für die Geschichten hinter der Geschichte (ihr könnt mir noch folgen?) hatte, heftete ich mich an Bernds Fersen und er wiederum nahm mich bereitwillig unter seine Fittiche. Ich denke er war wohl einfach erfreut, dass er das Interesse eines relativ jungen Menschen für seinen Beruf geweckt hatte.  Im Laufe der ca. 2 Wochen fuhren wir täglich in der Gegend herum. Er zeigte mir alte Steingräber, archäologische Ausgrabungsstätten und wir besuchten diverse Museen.  Nicht unbedingt das, was ein Teenager so in seinen Ferien machen wollen würde, oder? Denkste! Ich sog alle Informationen die er mir gab in mich auf, wie ein trockener Schwamm. Am Ende der 2 Wochen holten mich meine Eltern ab und ich verkündete stolz meiner Mutter: „Ich werde Archäologe!“.

In der Folgezeit verschlang ich alles was auch nur entfernt mit Archäologie zu tun hatte. Internet gabs noch nicht, ich wanderte also in die für mich erreichbaren Bibliotheken und abonnierte sogar eine Zeitlang eine archäologische Fachzeitschrift. Später machte ich dann ein Schulprakikum im heimatlichen Museum und lernte dort einen „Bodendenkmalpfleger“ (eine Art Laien-Archäologe) kennen, der dort arbeitete. Mit dem zog ich dann auf den Äckern der Gegend umher und wir suchten nach kleinen historischen Objekten wie Münzen, Pfeilspitzen etc. , die durch das Umpflügen des Erdbodens manchmal, sozusagen aus dem Dunkel der Geschichte, wieder ans Tageslicht gehoben wurden. Dieser Denkmalpfleger war aber eine ganz andere Art Mensch. Er versuchte, und schaffte es schliesslich auch, meinen Enthusiasmus zu bremsen und mich auf den harten Boden der Tatsachen zurückzuholen.

„Vergiss diesen ganzen Götter-Gräber und Gelehrte Quatsch“, meinte er immer. „Die Arbeit eines Archäologen findet zu 99% in dunklen Archiven statt! Da ist nix mit sensationellen Ausgrabungen an irgendwelchen Königsgräbern.“

Naja, ihr könnt Euch vorstellen, dass das die Motivation eines jungen Grünschnabels wie mich (der sich insgeheim natürlich schon vorgestellt hat, wie es wäre, mit einer Fackel in der Hand und der Peitsche am Gürtel durch ein altes Grab zu stöbern), ganz schön gebremst hat.

Als ich dann dermaßen unsanft die rosarote Brille heruntergeschlagen bekam, da nahm ich tatsächlich erst wirklich wahr, wie wissenschaftlich und ultrapenibelst in der Archäologie tatsächlich gearbeitet wird und wie selten ein (für die Öffentlichkeit) wirklich grosser Fund gemacht wird. Naja,  bald darauf war der Traum des Archäologen dann irgendwie nicht mehr soooo spannend für mich und ich widmete mich zunehmend anderen Dingen. Das Träumen darüber war wohl doch mehr Motivation  als die ernüchternde (wissenschaftliche) Realität. Trotzdem habe ich eine gewisse Faszination an diesem Beruf nie verloren und ich habe allergrössten Respekt für alle die ihr Leben dieser Sache gewidmet haben.

Nun lese ich wieder die Widmung von Bernd. Er hatte mir das Heft damals extra mit der Post geschickt, ich glaube es war Teil seiner Doktorarbeit, weil wir uns, durch die räumliche Entfernung bedingt, nur vielleicht so zweimal im Jahr begegneten. Irgendwann nach dem Schulpraktikum brach der Kontakt dann ab. Wir haben uns seitdem nicht mehr  gesehen oder gesprochen. Ich schätze, irgendwer wird ihm irgendwann gesteckt haben, dass sich mein Interesse an der Archäologie stark eingetrübt hatte. War er wohl enttäuscht, dass ich jetzt doch nicht in seine Fußstapfen getreten bin?

Und ich meinerseits habe mich allerdings auch nicht mehr bei ihm gemeldet. Vielleicht weil ich ein schlechtes Gewissen hatte, nämlich jedesmal dann, wenn ich die Widmung in dem grünen Heft gelesen habe. Das 77 Seiten starke, grüne Din4 Heft, das immer noch da ist und das ich wohl  auch nie wegwerfen werde.

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Nachtrag: Dank Google weiss ich jetzt zumindestens, dass Bernd (natürlich Dr.) als Abteilungsleiter des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle (Osten) tätig ist und in dieser Funktion auch etwas mit der berühmten Himmelsscheibe von Nebra zu tun hat.

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Persönliches

2 Antworten zu “„Praehistorische Zeitschrift“…

  1. Als ich diesen Beitrag las, lief zufällig in meinem MP3-Player „Reise nach Bern“ von Marcel Barsotti aus dem „Das Wunder von Bern“-Soundtrack. Passte von der ersten Note bis zum letzten Satzzeichen. Zufälle gibt’s.

    (Ich weiß nicht, ob diese CD besitzt. Wenn ja, hör Dir das Stück an, während Du den Text liest. Wenn nein, gib Bescheid, dann lasse ich es Dir mal zukommen.)

    • ScoreMaster

      Ich weiss genau was Du meinst!!! Musik ist in seiner Wirkung einfach „magisch“. Siehe hierzu sehr passend der „Stargazer“ Beitrag!

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